Eine kleine Familiengeschichte



Als wir mit Freunden und Verwandten im Dezember 89, nach der Öffnung der Grenzübergänge in die DDR, um den Eßtisch in unserer Westberliner Wohnung saßen und feststellten, daß es um Berlin herum nicht nur die Havel gibt, war Kiebitzbruch für einige noch eine Kindheitserinnerung, ein aufgegebener Lebensabschnitt, aber nicht mehr.
Als wir dann im April 1990 das erste Mal am Ende der Allee von Kiebitzbruch standen, unauffällig mit den Rädern über das Gelände pirschten und dann auf dem Liegenschaftsamt erfuhren, dass Kiebitzbruch nicht enteignet worden war, dachten wir - vielleicht kann man sich bei der LPG eine Ferienwohnung anmieten. Wir hatten noch nicht im Kopf, daß wir hier einmal fest wohnen könnten.
Nun sitzen wir hier bei Neustrelitz, haben jahrelang entrümpelt, liebevoll saniert, renoviert, allen Unkenrufen zum Trotz, denn wirtschftlich gab + gibt man dieser Gegend wenig Chancen. Pünktlich zum Beginn des neuen Jahrtausends hatten wir es geschafft: Das Haus ist einmal durchsaniert und wir haben das, wovon so viele Menschen, nicht nur in Möbelhäusern, träumen.
Ein Landhaus in wunderschönster Natur, direkt am Müritz-Nationalpark gelegen.
 
Etwas Geschichte - oder was haben wir mit Neustrelitz zu tun?
Marianne Naegelsbach
1854 wanderte Johanna Osterland, von Cranzow bei Neustrelitz nach Blumenau in Brasilien aus.
Hier lernte sie Franz Sallentin kennen. Beide heirateten und bekamen die Tochter Luise. Luise lernte bei einem Besuch in Braunschweig/ Deutschland Pastor Drewes kennen, heiratete ihn und bekam den Sohn Johannes Drewes, den Großvater von Marianne Naegelsbach, geb. Drewes.
 
Hans-Hasso Naegelsbach
1927
kaufte Erna v.Rosenberg ein kleines Gutshaus bei Neustrelitz, aber nur 7 ha des dazugehörenden Grund und Bodens, von der Familie v. Levetzow. Die Fabrikantentochter aus Berlin-Grünau hatte sich vorgenommen Hühner zu züchten, auf dem Land zu leben und trotzdem ihren Töchtern eine angemessene Schulausbildung und einen adäquaten gesellschaftlichen Umgang zu garantieren. Neustrelitz bot damals beides und noch eine schnelle Anbindung an Berlin.- Damit fing alles an.
1939
heiratete eine der Töchter, Augusta v.Rosenberg , Dr. phil. Hans Naegelsbach und zog wieder nach Berlin.
1941
wurde ihr erstes Kind, Hans-Hasso Naegelsbach, in Neustrelitz geboren, fernab von Krieg und Bomben.
Der Krieg brachte es mit sich, daß Augusta Naegelsbach zu Hause bei ihrer Mutter blieb und auch ihr zweites Kind hier gebar und großzog. - Damit ging es weiter.
Es wurden Hühner gezüchtet - Über den Krieg und die darauf folgende Einquartierungen der Russen hinaus, nach dem Krieg mit Hilfe der hier einquartierten Flüchtlinge. Es erwies sich als segensreich, dass 1927 nur 7 ha Land gekauft wurden, denn der Betrieb blieb so von der Bodenreform verschont.
1949
verstarb Erna v.Rosenberg. Augusta Naegelsbach machte ihren Geflügelzuchtsmeister und versuchte das Haus und den Betrieb zu halten.
1953
mußte sie bei Nacht und Nebel die DDR verlassen, um nicht der "Aktion Rosen" zum Opfer zu fallen, weil sie in Westberlin Eier gegen Medikamente für die Hühner getauscht hatte. Sie ging zu ihrer Familie nach Westberlin, wo ihre Kinder und ihr Mann schon seit 1950 lebten. Kiebitzbruch ging ohne Verwaltungsaufwand in die Hände der LPG "Roter Stern" über. - So blieb es auch.
 
1968
zog die Familie Naegelsbach, nach der Pensionierung von Dr. Hans Naegelsbach, ins Saarland.
1968
lernte Marianne Drewes Hans- Hasso Naegelsbach bei einem Verwandtenbesuch im Saarland kennen.
1977
zogen Marianne und Hans- Hasso mit dem Sohn Marcus- Alexander nach Wiesbaden und
1983 nach Berlin zurück. Wir beide waren gerne Großstädter.
1990
nach der Wende, nahmen wir Kontakt zu den noch DDR- Behörden auf, um die Besitzverhältnisse in Kiebitzbruch zu klären.
09.07.1991
wurde die treuhänderische Verwaltung der LPG aufgehoben und das Haus mit Grundstück wieder auf die Erben der Frau von Rosenberg übertragen.
Die aus der Hühnerzucht hervorgegangene Broilerzucht der LPG war im Sommer
1990
eingestellt worden So wurden uns nur Haus + Land zurückgegeben, der Betrieb versank in der Geschichte, ohne auch nur noch in irgendwelchen Archiven aufzutauchen.
In die nächste Runde.
 
Aufräumen, Schutt abtragen, reparieren, sanieren, restaurieren, renovieren, Wochenende für Wochenende.
1994
zog Augusta Naegelsbach, trotz schwerer Krankheit, aus dem Saarland wieder nach Kiebitzbruch.
1996
versorgt Marianne Naegelsbach "vorübergehend" Haus und Hof..... und bleibt hier kleben.
1997
vestarb Augusta Naegelsbach und die letzten Mieter, die noch aus DDR- Zeiten hier wohnten ziehen in eine größere Wohnung in der Stadt.
Hans- Hasso Naegelsbach arbeitet weiterhin in Berlin und kommt nur an den Wochenenden nach Kiebitzbruch.
1999
lösen wir unsere Berliner Wohnung auf und Hans- Hasso pendelt jetzt täglich mit dem Zug zu seiner Arbeitsstelle in Berlin- Reinickendorf.
Nun sind wir beide wieder Mecklenburger.
Marcus- Alexander lebt und arbeitet seit
1997
in London, ist dort inzwischen verheiratet und wird vermutlich nicht so bald wieder nach Deutschland ziehen.
 
Da wir bei unserer Familienplanung nie daran dachten, einmal 340 qm Wohnraum zu haben, die Kinder diesen nicht mit nutzen können und wir alleine das Haus nicht füllen könnten, teilen wir einen großen Teil des Hauses im Frühjahr, Sommer und Herbst mit Feriengästen....
und züchten zwar keine Hühner mehr, aber Hovawarte.
 
Das hat uns nur einmal einer prophezeit, bei einer vergnügten Kartenlegespielerei zu fortgeschrittener Stunde, nach einer Flasche Wein, mit Papierschnipseln, irgendwann Mitte der Achziger Jahre in Berlin. Wir haben noch tagelang schallend gelacht. Allerdings dachte auch niemand mehr an Kiebitzbruch. Das war damals nicht mehr und noch nicht wieder in unseren Köpfen.